

Stellt dieses erste Quartett bereits einen Höhepunkt seiner Kunst dar, so reicht das
Zweiteauf jedenFall anes heran,wennes es nicht sogar nochübertrifft.Trotz seiner
vierundsiebzig Jahre ist Janáček ein Mensch, der nur so vor Lebenskraft strotzt und
es liebt, diese Liebe zum Leben auch lauthals kundzutun. 1928, in dem Jahr also,
in dem er sterben wird und in dem er aber auch mehr denn je von seiner Liebe zur
sanften Kamila beseelt ist, schreibt er in gerade mal zwanzig Tagen mit seinem
zweiten Quartett eines seiner letzten und eines seiner größten Meisterwerke.
Drei Monate später wird es imHause Janáčeks selbst, in Hukvaldy, am 18. Mai 1928
uraufgeführt und am 25. dort direkt nochmal gespielt. Es trägt ursprünglich den
Titel „Liebesbrief “, als autobiografisches Geständnis, und ist die letzte Hommage,
die er Kamila erweist. Doch kommt bei seiner Atmosphäre keineswegs ein heiteres
und glückliches Gefühl auf. Die Atmosphäre des Stücks ist durchgängig zutiefst
gespannt, wie der Faden, der den Komponisten mit seiner Muse verbindet.
Und so entwickeln sich die vier Sätze durch immer weitere Zurücknahme der
Intervalle, durch Fragmentierung des Rhythmus und durchBrüche in denMelodien
und Impulsen; alles Dinge, die letztlich in der Gesamtarchitektur und dank der
Interpreten zu einer Einheit aufgehen.
Nach einer nervösen und heftigen Einführung erzählt der erste Satz von
konfliktgeladenen Gefühlen, von ihrem Auf und Ab. Das Gefühl, das entsteht,
ist Dringlichkeit sowie dramatische Notwendigkeit. Der zweite Satz ist nicht
weniger mitreißend. Er leitet zum dritten Satz über, der wiederum wehmütig und
beschaulich ist. Im letzten Satz dann erklingt die letzte Regung des Herzens eines
jungen Mannes, das tatsächlich bis zum Schluss feurig und lebendig geblieben ist.
26 JANÁČEK / SCHULHOFF